Nachhaltige Marktwirtschaft und der Ölpreis

Rohölpreise auf der Reise

Rohölpreise auf der Reise - Energiewandel jetzt! -
Nachhaltige Marktwirtschaft als Zukunftsmodell.

Die Neugier steht immer an erster Stelle eines Problems,
das gelöst werden will. (Galileo Galilei)

Dem Anwenden muss das Erkennen vorausgehen. (Max Planck)


Manche sprechen von einem Monster, das wir nicht sehen können und das dennoch da sein soll. Es werden Fragen gestellt wie: „Wer ist schuld am hohen Ölpreis?“ Je nach Interessenlage lautet die Antwort: die Spekulanten, die Ölförderstaaten, die Energiekonzerne, die Staaten, welche das Öl (Benzin u.a.) zu hoch besteuern oder auch die Staats-, Investment-, Hedgefonds oder andere anonyme Organisationen.

Die Zeitungen werden voll geschrieben mit Überlegungen, wie man den Ölpreis wieder deutlich reduzieren kann. Politiker wetteifern miteinander, Energie durch Reduzierung von Steuern oder der Einführung von Sozialtarifen billiger zu machen. Das ist zwar wahlkampftauglich, grenzt aber marktwirtschaftlich und fiskalpolitisch eher an groben Unfug. Es blendet die Tatsache aus, dass fossile Energieträger zukünftig nicht mehr so günstig wie in der Vergangenheit angeboten werden.

Anstatt konsequent Anreize für den Energiewandel und die neuen Energietechnologien zu schaffen, werden banale Preisdiskussionen geführt. Ich bin da pragmatischer: Die hohen Preise führen dazu, dass die Verbraucher endlich effizientere und sparsamere Produkte nachfragen und über Änderungsstrategien in ihrem Energieverhalten nachdenken. Mit etwas Verzögerung werden auch die Politiker und die Wirtschaft dem Trend folgen und nachhaltige Politik- bzw. Angebotsstrategien entwickeln.

Was die Umweltbewegung in 30 Jahren ökologisch-moralisch-ethischer Appelle nicht geschafft hat, erreichte die Ökonomie in nur drei Jahren. Und wir sind erst am Anfang der Preisspirale! Im Jahr 2005 hatte die Investmentbank Goldman Sachs einen Ölpreis von 100$ prognostiziert. Damals lag der Ölpreis bei 50-60$*. Dass das Etappenziel bereits zwei Jahre später erreicht würde, hatten auch die hoffnungsfrohsten Spekulanten nicht annehmen dürfen.Im Januar 2008 prognostizierte Claudia Kemfert vom DIW einen Ölpreis von 150$ in fünf und von 200$ in 10 Jahren. Auch für das DIW war es wohl außerhalb der Vorstellung, dass die fünf Jahre auf 5 Monate schrumpfen könnten. Der nächste Taktgeber mit einem Preis von 300$ bis 2015 war im Juni 2008 das französische Ölinstitut IFP. Im gleichen Monat legte der OPEC-Präsident Chakib Khelil noch einen 100$-Schein drauf und kann sich auch 400$ pro Barrel Öl vorstellen. Für dieses Jahr prognostizierte er bis zu 170$ und für das Jahr 2009 könnten es bereits 250$ sein.

In den Medien geben sich Politik und Wirtschaft „geschockt“, ob der Gefahren des hohen Ölpreises. Rezession, Inflation, Stagflation – das ganze Repertoire der Möglichkeiten wird angeführt. Angst und Unsicherheit, vermengt mit steigender Nachfrage, ist ein Garant für steigende Preise.Und sie werden steigen – garantiert!! Selbst wenn wir im Jahr 2009 in eine weltweite Rezession abgleiten sollten und die Nachfrage nach Öl deswegen vorübergehend reduziert wird, bleibt der Trend unumstößlich erhalten.

Sind denn die genannten Zahlen wirklich so unglaublich hoch? Seitdem die Themen Klimawandel und nachhaltige Entwicklung auch Tagesgespräch in ökonomischen Kreisen wurden, sind den spekulativen Trieben aller Akteure Tür und Tor geöffnet. Deren Argumentationsketten sind mit einer tiefen Logik durchtränkt, um die Preistreibereien scheinbar plausibel zu erklären. Es gibt nur Gewinner in dem Preisspiel – außer natürlich dem Verbraucher, der den Preis zahlen muss, um sein Grundbedürfnis nach Energie zu befriedigen.

Wir wissen spätestens seit den 70er Jahren durch den Bericht des „Club of Rome“, dass Öl ein begrenztes Gut ist. Nachdem sich in den letzten Jahren die Thesen der Peak-Oil-Theorie nachweislich bestätigen, sind wir jetzt am Zenit der Globalölförderung angekommen. Als erster Konzern hat der französische Ölmulti Total anerkannt, dass der Peak-Oil-Punkt erreicht ist. Natürlich wissen die anderen Konzerne auch, was die „Jahre beim Öl geschlagen“ haben. Allerdings scheint dort niemand wirklich traurig über den Zustand zu sein. Lässt sich doch mit dem Rohstoff Öl (und Gas und all den anderen Rohstoffen) derzeit unglaublich viel Geld verdienen. Die goldumrandeten Bilanzen der Energiemultis, der Ölförderstaaten, der Fonds sprechen Bände.
Derzeit - im Juni 2008 - liegt der Ölpreis bei 135$. 2004 lag der Preis bei 40$. Das ist eine Steigerung um 240% in 4,5 Jahren. Selbst wenn wir ein halbes Jahr zurückgehen, spekulativen Druck auf 90$ herausnehmen, beträgt die Steigerung immer noch 125%.
Heute wären wir alle glücklich, wenn der Ölpreis bei „nur“ 90$ liegen würde. So schnell kann man sich gewöhnen an einen Preisanstieg von 40$ auf 90$ in nur 4 Jahren.
Wir sehen, dass in den letzten Jahren die Marktmechanismen zugunsten der Profiteure bestens genutzt wurden. Die Themen Ökologie und Klimawandel werden missbraucht, um die Preissteigerungen zu legitimieren.

Blicken wir auf einem Zeitstrahl von 4 bzw. 7 bzw. 12 Jahren und einem Anfangsölpreis von 90$ bzw. 135$ gemeinsam in die Zukunft eines möglichen Ölpreises von 200$ bzw. 300$ bzw. 400$. Wir werden schnell erkennen, dass die genannten Zahlen nicht einer Kaffeesatzleserei oder irgendwelchen Verschwörungstheorien entstammen, sondern nüchterne Zinseszinsrechnung ist. Bereinigungseffekte, wie Inflation und Wechselkursschwankungen kann man unberücksichtigt lassen, weil Sie die Zielaussage im Kern nicht wirklich beeinflussen.

von x$ auf y$ in 4 Jahren in 7 Jahren in 12 Jahren
von 90 auf 200 22% 12% 7% (jährliche Steigerung in %)
von 135 auf 200 10% 6% 3%
von 90 auf 300 35% 19% 11%
von 135 auf 300 22% 12% 7%
von 90 auf 400 45% 24% 13%
von 135 auf 400 31% 17% 10%

Die %-Werte in der Tabelle wurden der Übersichtlichkeit wegen auf ganze Zahlen gerundet. *Alle Angaben über Preise, Prozente, Tage, Monate und Jahre im Artikel sind als ca. Werte zu betrachten.

Wenn wir beispielsweise von heute 135$ pro Barrel Öl (= 159 l pro Fass) ausgehen und annehmen, dass der Ölpreis in 12 Jahren 200$ beträgt, dann entspräche dies einer jährlichen Steigerung von nur 3%. Bei der Annahme einer dauerhaft einstelligen Steigerungsrate dieser Größenordnung bekommen die meisten Analysten und Fondsmanager sofort einen Herzinfarkt. Nehmen wir an, dass im Rahmen einer möglichen Rezession in 2009 der Ölpreis auf 90$ zurückfällt, dann würde dies bei einem Preis von 200$ in 12 Jahren einer Steigerung von 7% p.a. entsprechen. Das würde immer noch zu Magengeschwüren bei den Profitjägern führen. „Da steckt keine Musik drin.“ Selbst ein Szenario zum Basispreis 90$ und einer Hausse auf 400$ in 12 Jahren bringt „nur“ eine Steigerung von 13% p.a. Das ist noch immer weit weg von den Steigerungsraten der letzten 4,5 Jahre.

Sehr geehrte Konsumenten, machen Sie sich bewusst, dass das Zeitalter der billigen fossilen Energieträger endgültig vorbei ist. Da der Energiehunger weltweit zunehmen wird, kann es auf einem Markt der begrenzten Güter nur einen Trend geben – nach oben. Selbst rezessionsbedingte Rückschläge in den Preisen werden den langfristigen Trend nicht aufhalten. Erst wenn es echten Wettbewerb mit alternativen Energieträgern gibt, wie durch den konsequenten Einsatz erneuerbarer Energien mit all seinen Möglichkeiten, kann dieser Trend für die fossilen Rohstoffe langfristig möglicherweise durchbrochen werden.
Wenn wir nicht mehr auf die fossilen Brennstoffe als Grundversorgung für Strom, Wärme und Kraftstoffe angewiesen sein werden, können sich neue Marktpreise einpendeln. Als Verbraucher haben Sie künftig sogar selbst die Möglichkeit (z.B. durch ein Bürgerprojekt Bürgerstrom) zum Investor oder Unternehmer zu werden und eigenverantwortlich ihre Energieversorgung zusammen mit anderen interessierten Menschen vor Ort zu organisieren.

Auch im amerikanischen Wahlkampf ist das Thema Öl angekommen - mit möglicherweise dramatischen Folgen für die Umwelt. Der US-Präsidentschaftsbewerber John McCain und der derzeitige US-Präsident George W. Bush sind bereit, für „psychologische Auswirkungen“ auf den geplagten Verbraucher, große Naturschutzgebiete vor den Küsten Amerikas und in Alaska für die Ölförderung freizugeben (Spiegel-online vom 26.06.2008).
Als Argument wird angeführt, mit dem inländisch geförderten Öl die Benzinpreise senken zu können. Wie Öl, das erst in 15-20 Jahren gefördert würde, die Preise von heute dauerhaft senken kann, bleibt das Geheimnis der Wahlkämpfer. Was allerdings klar ist, ist die Tatsache, dass die Taschen der amerikanischen Ölmultis in 15-20 Jahren bei denkbaren Ölpreisen von 500$ und mehr, die Bilanzen nicht mehr nur vergolden werden. Bei einem Preis von heute 90$ (135$) erreicht man die 500$ in 20 Jahren bei einer jährlichen Steigerung von bereits 9% (7%). Sie sehen, dass die Republikaner sich wenigstens in dieser Hinsicht sehr für Nachhaltigkeit einsetzen.
Machen wir uns bewusst, dass für die mutmaßlich 18 Milliarden Barrel Öl, die in diesen Naturschutzgebieten liegen, der Raubbau an der Natur weitergetrieben wird. Die derzeit bekannten und förderfähigen weltweiten Ölreserven werden mit 1.248 Milliarden Barrel angegeben (Handelsblatt vom 18.06.2008). Die Republikaner sind bereit, wegen nur 1,5% der Ölreserven, ihre Naturschutzgebiete zu opfern. Die USA verbrauchen pro Tag 20,7 Millionen Barrel Öl. In 870 Tagen wären die neuen Ölquellen ausgebeutet. Bei einer angenommenen inländischen US-Förderung von 8 Millionen Barrel pro Tag, wären die Reserven in 2250 Tagen verbraucht. Für 6 Jahre Zeitgewinn ist der Preis sehr hoch, den die Menschheit und die Umwelt für diesen Egoismus zahlen müssten. Wer soll denn ernsthaft glauben, dass dieser kurze Zeitraum nachhaltig Preis dämpfend wirkt?

Wir können aber an diesem Beispiel sehen, wie verzweifelt und hilflos die Politik auf die Herausforderung des Klimawandels reagiert. Die Ölförderung (Gas-, Kohle-) muss in dieser Logik weiter gehen - koste es, was es wolle. Eine CO2-Vermeidungsstrategie kann ich hierin nicht erkennen.
Eine Studie von McKinsey vom 25.09.2007, welche im Auftrag von „BDI initiativ – Wirtschaft für Klimaschutz“ erstellt wurde, sollte aufzeigen, wie unwirtschaftlich der Energiewandel durch erneuerbare Energien und technologischen Fortschritt sei. In einer Analyse zur Studie, habe ich die vom Lobbyismus gesteuerten Argumente des BDI aufgearbeitet. Hierbei war mir u.a. aufgefallen, dass McKinsey und der BDI mit aller wissenschaftlichen Macht feststellen ließen, dass der Ölpreis im Jahr 2010 bei 57$ (max. 63$), im Jahr 2020 bei 52$ (max. 68$) und im Jahr 2030 bei 59$ (max. 75$) stehen wird.
Diese „Studie“ ist somit bereits nach wenigen Monaten in der (Öl-)Tonne der Lobbyismus-Märchen versunken.

Wir kommen schneller wie erwartet an den Punkt, dass wir über den ökologischen Wandel der Weltwirtschaft nicht mehr als Wachstumsbremse sprechen. Wir reden darüber, wie die erneuerbaren Energien und die sich daraus ergebenden neuen Technologien als Wachstumsmotor die Weltwirtschaft beflügeln.

Mich beunruhigt nicht die Tatsache, dass die Ölpreise (Energiepreise) in dieser Geschwindigkeit steigen. Diese Entwicklung war und ist in Prozessen der globalen, wachstumsorientierten, ungezügelten Marktwirtschaft bei knappen, endlichen Gütern logisch konsequent implementiert.

Mich beunruhigt die Tatsache, dass die Politik nicht schon längst die richtigen Fragen stellt und auf diese Fragen lösungsorientierte Antworten gibt. Dies liegt vor allem daran, dass die Politik selbst Bestandteil des Problems ist. Zitat von Albert Einstein: „Probleme kann man niemals mit der gleichen Denkweise lösen, durch die sie entstanden sind.“ Wie im ersten Absatz dieses Artikels bereits benannt, gibt es verschiedene Interessenkartelle zur Erhaltung der bestehenden Strukturen. Alle diese Kartelle verdienen sehr viel Geld mit der etablierten Form der Energiegewinnung, Energieproduktion und Energieverteilung. Die Transformation zu einer neuen Art und Weise der künftigen Energieversorgung ist „eine wirklich gute Idee, deren Verwirklichung von vorne herein ausgeschlossen scheint.“ (in Anlehnung an ein Zitat von Albert Einstein)

Nachhaltige Marktwirtschaft wird nicht von Spekulanten und der (Oligopol-) Monopolwirtschaft vorangebracht, aber diese Akteure schaffen durch ihr zwanghaftes Verhalten der Gewinnmaximierung die Voraussetzung, dass eine Veränderung zur Nachhaltigkeit (Nachhaltige Entwicklung – sustainable development) im Sinne der Deklaration von Rio aus dem Jahre 1992 möglich wird.
Die Energiefrage ist das erste wirklich globale Thema, das die Chance zur Gleichberechtigung von Ökonomie, Ökologie und sozialer Verantwortung eröffnet - zum Wohle der heutigen und der künftigen Generationen und der Umwelt.

Es ist nicht genug, zu wissen, man muss auch anwenden.Es ist nicht genug, zu wollen, man muss auch tun (Johann Wolfgang von Goethe)

Dietmar Helmer
buergerstrom
im Juni 2008